die Königin, die Granada zu ihrem größten Triumph machte
Am 4. September 1479, vor 547 Jahren, ging ein Krieg zu Ende, der die Geschichte Spaniens entscheidend verändern sollte. Vier Jahre lang hatten sich zwei Frauen um die Krone von Kastilien gestritten: Isabella, die Schwester des verstorbenen Königs Heinrich IV., und Juana, seine Tochter – jene Juana, die später unter dem wenig schmeichelhaften Namen la Beltraneja bekannt wurde.
Es ging dabei nicht nur um einen Thron. Hinter dem Konflikt standen zwei mächtige Königreiche, Portugal und Kastilien, dazu Aragón und sogar Frankreich. Und im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand eine junge Frau, deren Weg zur Macht alles andere als selbstverständlich war.
Eine Prinzessin auf der Flucht
Isabella war keineswegs die geborene Königin. Ihr Halbbruder Heinrich IV. hatte zunächst seine Tochter Juana zur Thronerbin bestimmt. Doch der kastilische Adel misstraute dem König und zweifelte sogar öffentlich an der Vaterschaft seiner Tochter.
Dann geschah etwas, das für Isabella entscheidend werden sollte. Heinrich wollte seine Halbschwester mit dem portugiesischen König Alfons V. verheiraten. Doch Isabella hatte andere Pläne. Sie floh aus Ocaña und heiratete am 19. Oktober 1469 heimlich ihren Cousin Ferdinand, den Erben der Krone von Aragón. Eine Liebesheirat? Eine politische Meisterleistung? Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.
Das Problem: Für diese Ehe fehlte zunächst die päpstliche Erlaubnis, denn Isabella und Ferdinand waren zu nah miteinander verwandt. Ihre Ehe war damit zunächst sogar kirchenrechtlich ungültig. Doch Isabella ließ sich davon nicht aufhalten.
Eine Krone, die auf dem Spiel stand
Als Heinrich IV. 1474 starb, war die Lage explosiv. Sein Testament war verschwunden – und plötzlich erhoben zwei Frauen Anspruch auf die Krone von Kastilien. Isabella ließ sich in Segovia zur Königin ausrufen. Doch auch Juana verfügte über mächtige Unterstützer. Ihr Verlobter, König Alfons V. von Portugal – eben jener Mann, den Isabella einst als möglichen Ehemann zurückgewiesen hatte –, stellte sich nun auf die Seite Juana. Gekränkt und entschlossen, seinen Anspruch durchzusetzen, zog er mit seinen Truppen nach Kastilien und ließ sich gemeinsam mit Juana zum König und zur Königin von Kastilien ausrufen.
Damit war der Krieg unvermeidlich. Vier Jahre lang wurde in Kastilien gekämpft. Aber der Konflikt war weit mehr als ein spanischer Bürgerkrieg: Portugal und Kastilien kämpften auch um die Vorherrschaft im Atlantik und um den Zugang zu den Reichtümern Afrikas.
Doch der anfängliche Erfolg der Anhänger Johannas sollte nicht von Dauer sein. Alfons V. von Portugal erwies sich militärisch als weit weniger entschlossen, als es seine Stellung hätte erwarten lassen. Die Schlacht von Toro im Jahr 1476 brachte schließlich die Wende. Auch wenn ihr Ausgang militärisch nicht eindeutig war, hatte sie weitreichende politische Folgen: Die Unterstützung für Johanna bröckelte, und zwischen 1476 und 1477 zerfiel ihre Partei zusehends.
Isabella und Ferdinand hatten damit einen entscheidenden Vorteil gewonnen. Auf den Cortes von Madrigal, die von April bis Oktober 1476 tagten, wurde ihre Ehe offiziell anerkannt. Noch wichtiger: Ihre Tochter Isabella wurde als Erbin der kastilischen Krone vereidigt. Damit schien die Zukunft der Dynastie gesichert.
Doch der Krieg war noch nicht endgültig beendet. 1479 kam es zum entscheidenden Ausgleich mit Portugal. Mit dem Frieden von Alcáçovas musste Alfons V. nicht nur seinen Anspruch auf die kastilische Krone aufgeben – auch seine Ehe mit Johanna wurde politisch und dynastisch rückgängig gemacht. Die Verbindung, die einst ihren gemeinsamen Anspruch auf Kastilien hatte legitimieren sollen, war damit am Ende des Krieges wertlos geworden.
Im Gegenzug gaben Isabella und Ferdinand ihre Ansprüche auf den portugiesischen Thron auf. Zugleich wurden die Interessensphären beider Mächte im Atlantik neu abgesteckt – und Portugal ging daraus als klarer Gewinner hervor. Der größte Teil der umstrittenen atlantischen Gebiete fiel an die Portugiesen. Nur die Kanarischen Inseln blieben Kastilien vorbehalten; Gran Canaria, La Palma und Teneriffa mussten allerdings erst noch erobert werden.
Doch besonders für Johanna sollte der Vertrag weitreichende Folgen haben. Mit dem Ende des Krieges wurde auch über ihre persönliche Zukunft entschieden. In den sogenannten „Dritteien von Moura“ wurde festgelegt, dass sie auf sämtliche kastilischen Titel und Ansprüche verzichten musste. Ihr blieben zwei Möglichkeiten: Entweder zog sie sich in ein Kloster zurück oder sie heiratete Prinz Johann, den einzigen Sohn und Erben Isabellas und Ferdinands.
Doch diese zweite Möglichkeit hatte einen geradezu absurden Haken: Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses war der kleine Prinz gerade einmal ein Jahr alt. Johanna hätte also noch dreizehn Jahre warten müssen, bis ihr künftiger Ehemann das heiratsfähige Alter erreicht hätte. Sie selbst wäre dann bereits dreißig Jahre alt gewesen. Für eine Frau, deren ganzes Leben von der Frage nach dem kastilischen Thron bestimmt worden war, war dies eine ungewöhnlich lange Wartezeit – und vielleicht auch eine letzte, stille Demütigung.
Johanna entschied sich für das Kloster. Doch damit verschwand sie keineswegs aus der Politik. Bis zu ihrem Tod blieb die Frau, um deren Anspruch auf die kastilische Krone ein ganzer Krieg geführt worden war, eine politische Figur – und eine Erinnerung daran, wie knapp Isabella einst selbst am Thron vorbeigeschrammt war.
Und dann kam Granada...
Doch Isabella wollte mehr als nur eine Krone. Seit Jahren stand im Süden der Iberischen Halbinsel das Nasridenreich von Granada – das letzte muslimische Königreich auf der Iberischen Halbinsel. Für die christlichen Königreiche war Granada das letzte große Ziel der Reconquista.
1482 begann der Krieg. Zehn Jahre später, am 2. Januar 1492, war es soweit: Der letzte Nasridenherrscher, Boabdil, übergab Isabella und Ferdinand die Schlüssel Granadas. Damit endete die fast 800-jährige muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel.
Aber genau hier wird die Geschichte besonders interessant. Denn Isabella und Ferdinand waren nicht nur die Eroberer Granadas. Sie waren auch die Herrscher, die beschlossen, in Granada ihre letzte Ruhestätte zu finden.
Man kann es sich kaum eindrucksvoller vorstellen: Die beiden Monarchen, die den Krieg um dieses letzte muslimische Königreich gewonnen hatten, wollten nach ihrem Tod genau hier begraben werden. Noch im Jahr 1504, kurz vor ihrem Tod, verfügte Isabella, dass sie gemeinsam mit Ferdinand in einer eigens errichteten Kapelle in Granada beigesetzt werden sollte. Und so entstand die Capilla Real – die Königliche Kapelle, mitten im historischen Zentrum der Stadt. Wer heute durch die Straßen Granadas geht und die Kapelle betritt, begegnet deshalb nicht einfach zwei alten Königsgräbern. Man steht an dem Ort, an dem sich eine der großen Geschichten der spanischen Geschichte verdichtet:
Unter dem kunstvoll gearbeiteten Grabmal liegen Isabella und Ferdinand. Ganz in ihrer Nähe befinden sich die sterblichen Überreste ihrer Tochter Johanna der Wahnsinnigen und ihres Mannes Philipp des Schönen. Und plötzlich wird aus Geschichte etwas sehr Persönliches: Man steht vor den Menschen, die hinter den großen Ereignissen stehen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum man die Königliche Kapelle von Granada nicht einfach als einen weiteren historischen Bau besuchen sollte. Wer ihre Geschichte kennt, betritt sie mit anderen Augen.
Denn hier endet die Geschichte der Königin Isabella – jener Frau, die einst um ihre Krone kämpfen musste und deren größter Triumph schließlich Granada hieß.
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